
Die aktuelle Situation
Seit mehr als 15 Jahren beschäftigt Bürgerinnen und Bürger, Lehrkräfte und Angehörige die Frage, wo man einen geeigneten Standort für die Pestalozzi-Förderschule finden kann, der nicht nur den Grundsätzen inklusiver Pädagogik folgt, sondern auch den weiterhin steigenden Schüler:innenzahlen gerecht wird.
Weil die Räumlichkeiten in der Pestalozzi-Schule nicht ausreichen, ist der Schulbetrieb auf zwei Standorte verteilt. In Speyer ist die Ober- und Werkstufe beheimatet, in Berghausen ist die Verwaltung sowie die Unter- und Mittelstufe untergebracht. Um diesen Zustand zu verbessern, sucht die Stadtverwaltung seit Jahren vergeblich nach einem geeigneten Gebäude. Der Leerstand des ehemaligen Stiftungskrankenhauses in der Stadtmitte eröffnet nun eine neue Perspektive.
Eigenes pädagogisches Konzept ist notwendig
Für Kinder mit individuellem Förderungsbedarf ist ein eigenes pädagogisches Konzept nötig. Es basiert auf handlungsorientiertem Lernen, ganzheitlicher Entwicklung, Inklusion und Partizipation. Daher bedarf es besonderer baulicher Voraussetzungen. Es müssen Räumlichkeiten vorhanden sein, in denen die Kinder lernen können, an der Werkbank arbeiten, spielen, essen, sich begegnen, sportlich aktiv sein und Therapieräume nutzen können. Partizipation am und Inklusion ins Leben außerhalb der Förderschule spielt dabei eine tragende Rolle, wie etwa das gemeinsame Einkaufen im Supermarkt oder der Besuch einer Ausstellung.

Das ehemalige Stiftungskrankenhaus könnte dieser geeignete Standort sein, um den Lebensalltag in der Gemeinschaft und Mitte der Gesellschaft zu bewältigen. Zu begrüßen wäre eine Kombination aus Förderschule, Wohnen, Seniorenunterkunft und Begegnungshaus mit Spielmöglichkeiten für alle Kinder – auch für die, die keine Pestalozzi-Schüler sind.
Das Projekt „Schulcafé“ der Förderschule kann dort einen Platz finden, der bestens geeignet ist für Kommunikation und Austausch von Jung und Alt. Die Lage zwischen Zeppelinschule und Gymnasium am Kaiserdom bietet eine große Chance für gelebte Integration. Das ehemalige Stiftungskrankenhaus könnte außerhalb der Schulzeiten (Ferien, Abendstunden, Wochenenden) von Vereinen, vom Seniorenbüro oder Arbeitsgruppen genutzt werden und würde so eine enorme Bereicherung für die Stadtgesellschaft darstellen.

Freie Wähler wollen Förderschule im Industriegebiet – Inzwischen dazugelernt
Die Freien Wähler (FW), die zunächst einen Neubau der Förderschule favorisierten, haben inzwischen dazugelernt. Nach heftiger Kritik von verschiedenen Seiten – nicht zuletzt von einer betroffenen Mutter – haben sie das Industriegebiet Nord zwischen Siemens- und Tullastraße als den aus ihrer Sicht optimalen Standort verworfen.
Als Begründung hatte Claus Ableiter, Fraktionsvorsitzender der Freien Wähler, zuvor ausgeführt, dass die zu erwartenden hohen Kosten einer Kernsanierung des ehemaligen Stiftungskrankenhausse deutlich höher seien als die, die für einen Neubau anfallen würden. Darüber hinaus sei die Verkehrssituation in der Innenstadt so angespannt, dass die Busse, die die Kinder zur Schule bringen, zu einem Verkehrschaos führten. Dies sei im genannten Industriegebiet nicht der Fall. Inzwischen ist die Partei zurückgerudert, hat aber kein brauchbares alternatives Konzept für einen anderen Standort vorlegen können.
Während die Verwaltung Die Gesamtkosten für den Umbau des Bestandsgebäudes auf 45.918.774 Euro und einen vergleichbaren Neubau auf 54.692.339 Euro mit einer Schwankung von +/- 40 % bezifferte, bleibt die FW eine Kostenaufstellung schuldig. Das von der FW angenommene Verkehrschaos, verursacht von 60 bis 80 Bussen, widerlegte die Verwaltung mit eigenen belastbaren Daten, die von nicht mehr als 18 bis 20 Bussen ausgeht. Der Antrag wurde in der gemeinsamen Sitzung von Bauausschuss und Schulträgerausschuss folgerichtig mehrheitlich abgelehnt.
Nach Auffassung der grünen Fraktion zeigt der Antrag deutlich, dass die Freien Wähler die Grundsätze der inklusiven Pädagogik nicht verstanden haben. Die Inklusion von an den Stadtrand gedrängten Schülerinnen und Schülern ist schlicht nicht möglich. Das bestätigen Schulleiterinnen und Schulleiter.
Grober Umgang mit Menschen
Was jedoch weitaus gravierender ist: im Antrag der Freien Wähler ging es nicht etwa um die Kinder mit individuellem Förderbedarf, sondern nur um Zahlen, Kosten und An- und Abfahrtsmöglichkeiten für die Busse, mit denen sie gemeinsam zur Schule gebracht werden.
Dieser grobe Umgang mit Menschen, die unserer Hilfe bedürfen, ist für uns Grüne inakzeptabel. Wir distanzieren uns ausdrücklich von dieser Haltung!
Durch eklatante Unwissenheit selbst disqualifiziert
FDP-Stadtratsmitglied und Kandidat für die Oberbürgermeister:innen-Wahl, Mike Oehlmann, beklagte im Ausschuss, er habe während seiner gesamten Zeit als Stadtrat von der Verwaltung keinerlei Auskünfte zur Situation der Pestalozzi-Schule erhalten.
Wir stellen fest, dass die anwesenden Ausschussmitglieder aller anderen Parteien, inklusive der Mitglieder der CDU und der Freien Wähler, die Oehlmann unterstützen, sehr gut informiert waren. Offensichtlich hat zwischen seinen Unterstützern und dem Kandidaten selbst kein Wissenstransfer stattgefunden. Als langjährigem Stadtrat sollte Mike Oehlmann die Standortsuche für die Pestalozzi-Schule, die seit mehr als 15 Jahren Dauerthema ist, aber auch ohne Zuträger sehr wohl bekannt sein.
Aus unserer Sicht hat sich der Gegenkandidat von Oberbürgermeisterin Stefanie Seiler mit seiner eklatanten Unwissenheit für die Wahl des Oberbürgermeisters vollständig disqualifiziert.
Nachhaltigkeit als Kompass
Für unsere grüne Fraktion ist der Aspekt der Nachhaltigkeit von großer Bedeutung. Die Weiternutzung bestehender Gebäude erhält wertvolle „graue Energie“ (Graue Energie bezeichnet die Energie, die für Herstellung, Transport, Lagerung, Verkauf und Entsorgung von Produkten insgesamt aufgewendet wurde, also in ihnen enthalten ist Quelle: Wikipedia). Sie ist die verborgene Energie in Alltagsgegenständen und Bauten, die die Verschwendung und den Ressourcenverbrauch eines Abrisses und Neubaus verhindert.
Nachhaltige Stadtentwicklung bedeutet, vorhandene Bausubstanz intelligent weiterzuentwickeln und soziale, ökologische sowie wirtschaftliche Ziele miteinander zu verbinden. Die räumlichen Anforderungen von Förderschulen an den Standort und die Ausführungen über eine Sanierung müssen dabei den Fachleuten überlassen und nicht mit Spekulationen diskreditiert werden.
Leuchtturmprojekt für Speyer
Das Projekt „Stift – Schule, Begegnungshaus und Wohnen“ kann zu einem Leuchtturmprojekt für Speyer werden. Es verbindet Inklusion, Bildung, nachhaltiges Bauen, generationenübergreifende Begegnung und bezahlbaren Wohnraum unter einem Dach. Es zeigt, wie eine Stadt Räume schaffen kann, die gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern und allen Menschen Teilhabe ermöglichen.
Die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen wird die weitere Entwicklung dieses Projekts konstruktiv begleiten. Angesichts des großen Potenzials für Speyer werben wir dafür, die notwendigen Entscheidungen nun mit Nachdruck voranzubringen und die zeitlichen Abläufe nicht unnötig zu verzögern. Die Stadt hat hier die Chance, ein starkes Zeichen für eine inklusive, nachhaltige und soziale Zukunft zu setzen.